Wie hoch willst du bauen – und worauf?

Wie hoch willst du bauen – und worauf?

Im 12. Jahrhundert begann man ein Bauwerk, das 100 Meter hoch werden sollte. Doch schon nach dem zweiten Stockwerk zeigte sich, dass das Fundament dem Boden nicht angemessen war und so sank es auf einer Seite ein. Man unterbrach den Bau, beobachtete die weitere Entwicklung und baute später weiter. Die oberen Stockwerke wurden bewusst schief aufgesetzt, um das Problem auszugleichen. So kam man immerhin bis zum siebten Stockwerk und einer Höhe von 54 Metern. Der Turm steht bis heute – unter anderem, weil er später mit immensem Aufwand gesichert und stabilisiert wurde.

Ihr wisst längst, wovon ich spreche: vom schiefen Turm von Pisa – und natürlich vom Reiten.

Ein Profi sieht früh, wenn mit dem Fundament, auf dem aufgebaut wird, etwas nicht stimmt – lange bevor es für jedermann offensichtlich wird. Man kann beobachten, dass trotzdem weiter darauf aufgebaut wird, manchmal unbewusst, weil es nicht erkannt wird, manchmal aber auch bewusst, weil man weiß, es zunächst ausgleichen zu können.

Es wird kompensiert, korrigiert, angepasst – während das eigentliche Problem unten bestehen bleibt. Eine Zeit lang funktioniert das. Bis irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem klar wird: Hier geht es nicht mehr weiter.

Und genau an diesem Punkt lohnt sich eine einfache, aber wichtige Frage:

Was wäre gewesen, wenn man den Turm nach dem 2. Stock niemals weitergebaut hätte?

Er stünde einfach da. Mit begrenzter Höhe – aber stabil. Und ohne Problem.

Übertragen auf die Arbeit mit Pferden heißt das: Ein begrenztes Fundament muss kein Hindernis sein, solange die Anforderungen dazu passen. Was mich daran besonders nachdenklich macht: Der schiefe Turm von Pisa ist schön. Er ist sogar eine Attraktion. Doch was hätte aus dem Turm werden können, wenn ds Fundament dem Boden entsprochen hätte? Übertragen auf die Arbeit mit Pferden stellt sich genau hier eine andere Frage:

Wie viel mehr wäre möglich, wenn das Fundament stimmen würde?

Und damit meine ich nicht höher, schneller, weiter. Sondern zum Beispiel: Zufriedenheit. Losgelassenheit. Gesundheit. Diese Gedanken sind keine Forderung nach Perfektion und auch kein Aufruf zum Stillstand. Sie sind eine Einladung zur Ehrlichkeit: hinzusehen, was trägt was? – und was eben nicht.

Seien wir ehrlich. Gewisse Einschränkungen im Fundament sind nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel – beim Pferd, beim Menschen oder im Zusammenspiel. Würde man nur dann reiten, wenn das Fundament perfekt wäre, dürfte kaum jemand reiten.

Nicht jeder möchte 100 Meter hoch bauen. Die meisten sind mit dem zweiten Stockwerk vollkommen zufrieden. Und wenn ein Turm dort eine leichte Schieflage hat, ist das kein Problem – solange man aufhört, weiter Höhe daraufzusetzen.

Entscheidend ist nicht allein, ob das Fundament Grenzen hat. Sondern wie bewusst und verantwortungsvoll man mit diesen Grenzen umgeht.

Mir geht es hier um die bewusste Entscheidung, Fundament und Ziel aufeinander abzustimmen. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Fairness – dem Pferd und sich selbst gegenüber.

Ein kurzer Blick auf den Burj Khalifa in Dubai zeigt ein extremes Gegenbild. Hier wurde von Anfang an in eine riesige, breite, tief angelegte Basis investiert. Alles ist darauf ausgelegt, maximale Höhe zu ermöglichen. Mit dem klaren Ziel, den höchsten Turm der Welt zu bauen – und wissend, dass das nur mit einem entsprechend tragfähigen Fundament möglich ist. Er dient mir nicht als Messlatte, sondern als Prinzip. Entscheidend ist einzig und allein:

Wisse, was dein Fundament leisten kann. Und richte deine Ziele daran aus.

Stell dir vor, du erschaffst dir mit deinem Fundament Möglichkeiten. Dann kannst du wachsen. Oder bewusst stehen bleiben. Oder später weiterbauen.

Nicht schnell. Nicht laut. Sondern nachhaltig, klar und spürbar.

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