Warum wirft Luft keinen Schatten – und was bitte hat das mit Reiten zu tun?
Heute entführe ich euch mal in meine Art, im Alltagsleben über Reiten nachzudenken. Und ich hätte selbst nie gedacht, dass ich bei einem Gespräch mit meinem Mann auf der Autofahrt Richtung Golfplatz plötzlich doch wieder beim Reiten lande.
Er liebt den Podcast „Sternengeschichten“, hatte dort etwas gehört und wollte seine Begeisterung über das Thema mit mir teilen. Und dabei triggert er in mir diesen penetranten Anteil, der alles zu tausend Prozent verstehen will. Ich habe also so lange nachgefragt, bis wir es beide verstanden hatten – und mir ist wirklich ein Licht aufgegangen. Und genau das möchte ich euch heute erzählen.
Die Physiker, Chemiker und sonstigen Wissenschaftler unter euch mögen es mir bitte nachsehen, dass ich das Ganze absolut laienhaft erzähle. Aber ich glaube, für unsere Verbindung zum Reiten wird es trotzdem reichen.
Warum Luft keinen Schatten wirft
Wenn man es verstanden hat, ist es eigentlich ganz einfach. Aber bis dahin erstmal der Reihe nach.
Licht besteht aus Photonen. Photonen tragen Energie in sich. Und Photonen können ihre Energie abgeben, wenn ein Gegenpart bereit und in der Lage ist, diese Energie aufzunehmen.
Wenn jetzt Photonen auf ein Molekül treffen – und zur Erinnerung: Auch Luft besteht aus Molekülen – dann passiert dort grundsätzlich Folgendes:
In den Molekülen bewegen sich Elektronen auf bestimmten Umlaufbahnen. Sie können aber auf eine andere Ebene springen, wenn die passende Energie dafür vorhanden ist. Und genau da wird es spannend.
Denn ein Elektron braucht dafür nicht ungefähr die richtige Energie. Nicht fast passend, sondern exakt passend. Nicht ein Fitzelchen weniger und auch nicht ein Quäntchen mehr. Warum das so ist, weiß wahrscheinlich nur der liebe Gott. Ich auf jeden Fall nicht.
Ich habe es erst verstanden, als ich versucht habe, mir ein eigenes Bild dafür zu bauen.
Stell dir vor, du möchtest einen Ball von Punkt A zu einem Ziel Z werfen. Dann brauchst du genau die richtige Kraft. Wirfst du zu schwach, kommt der Ball nicht an. Wirfst du zu stark, fliegt er darüber hinaus.
So kennen wir unsere Welt.Bei Photon und Elektron scheint es aber anders zu sein. Ist die Energie zu schwach, macht sich der Ball bildlich gesprochen gar nicht erst auf den Weg. Und ist sie zu stark, ebenfalls nicht. Nur wenn die Energie exakt passt, „springt“ das Elektron auf die nächste Ebene.
Und plötzlich wurde verständlich, was mein Mann mir die ganze Zeit erklären wollte.
Kleine Nebenbemerkung: Mein Mann ist Chemiker. Und er erklärt Dinge gerne auf Ebenen, bei denen ich oft überhaupt nicht weiß, wovon er spricht – während er denkt, das wäre vollkommen normal zu verstehen.
Also zurück zur Luft.
Die Moleküle in unserer Luft bräuchten offenbar eine ganz bestimmte Energiedosis, damit ihre Elektronen auf diese andere Ebene springen können. Und im sichtbaren Licht ist anscheinend kein Photon enthalten, das genau die richtige Energie dafür hat. Die Energie passt nicht exakt. Also passiert einfach – NIX.
Die Energie des Photons wird nicht aufgenommen. Das Licht fließt durch die Luft hindurch, als wäre sie gar nicht da.
Und genau deshalb wirft Luft keinen Schatten.
Ein Schatten entsteht also dort, wo Lichtenergie aufgenommen wird und dadurch auf der anderen Seite nicht mehr ankommt. Ich stehe übrigens gerade im Wald und schaue einen Baum an. Hinter dem Baum leuchtet die Sonne. Links und rechts vom Baum kommt das Licht direkt bis zu mir. Die Luft hält das Licht nicht auf. Der Baum schon.
Also kurz und prägnant: Im Baum mit seiner komplexen Materie gibt es jeweils passende Elektronen, die bestimmte Energie der Photonen aufnehmen können. Das Licht wird teilweise „ausgebremst“ – und dadurch entsteht ein Schatten.
Nur noch eine kleine Ergänzung, zur Abrundung: Natürlich besteht Licht nicht nur aus dem Spektrum, das wir sehen können. Da gibt es noch viel mehr. Infrarotlicht. UV-Licht. Röntgenstrahlen. UV-Licht zum Beispiel wird durchaus teilweise in unserer Atmosphäre gefiltert. Stichwort Ozonloch. Da nun weniger „Gegenpart-Moleküle“ vorhanden sind, die genau diese Energie aufnehmen können, kommen UV-Strahlen ungefilterter bis zu uns durch. Und genau deshalb ist UV-Strahlung für uns heute auch deutlich präsenter geworden.
Und genau an dieser Stelle kam für mich plötzlich das große Aha:
Wie im Großen, so im Kleinen.
„Wie oben, so unten“, heißt es sinngemäß schon bei Hermes Trismegistos. Und plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht mehr nur über Physik nachzudenken, sondern über ein viel größeres Prinzip – und land prompt wieder konkret in der Reiterei.
Wenn Energie und Ziel nicht zusammenpassen, entsteht nicht die gewünschte Veränderung. Nicht bei zu wenig. Aber eben auch nicht bei zu viel. Eigentlich wissen wir im Reiten längst, dass „mehr“ nicht automatisch mehr Wirkung bedeutet.
Zuckerwatte und Granny Smith.
Stell dir vor, du isst einmal Zuckerwatte und einmal einen Granny Smith. Beides braucht eine völlig andere Energie.
Mit der vorsichtigen Energie, mit der du Zuckerwatte essen würdest, erreichst du beim Apfel kaum etwas. Mit der Kraft, die du für den Apfel brauchst, würdest du dir bei der Zuckerwatte die Zähne zusammenschlagen. Und auf die Zunge beißt du dir vielleicht auch noch.
Was das mit Reiten zu tun hat?
Du weißt nicht, wie dein Pferd den Zügel gerade annimmt. Du weißt nicht, wie weich oder fest es im Maul ist. Du weißt nicht, wie das Gebiss im Maul liegt, was das Pferd mit dem Kiefer macht oder wie es im Genick reagiert.
Darum musst du dich eigentlich jedes Mal neu herantasten.
Du nimmst Kontakt auf und beginnst wahrzunehmen, was in diesem Moment tatsächlich da ist. Wie fühlt sich die Verbindung zum Maul an? Was macht das Pferd mit Zunge, Kiefer und Genick? Wird die Verbindung weich angenommen oder entsteht Spannung? Und erst dann kannst du überhaupt passend reagieren. Wirst du nun in einen Apfel beißen? In Zuckerwatte? Oder irgendetwas dazwischen?
Natürlich hinkt der Vergleich irgendwann. Vergleiche hinken eigentlich immer. Aber da ist sie wieder, die Verbindung zu – „Warum wirft Luft keinen Schatten“.
Auch beim Pferd entsteht die gewünschte Veränderung nur dann, wenn die Energie passend angeboten wird.
Was passiert wenn unsere Zügeleinwirkung zu wenig oder zu viel Energie hat, haben wir alle schon erlebt. Eine kleine Ergänzung noch: Ist die Einwirkung zu weich, passiert vielleicht zunächst tatsächlich nichts Sichtbares. Nicht mal ein Schatten. Gleichzeitig kann aber etwas anderes entstehen: eine unklare Kommunikation und die daraus resultierenden Folgen. Ist die Energie zu stark, beginnt das Pferd sich zu schützen. Es wird vielleicht fest, vorsichtig oder überempfindlich. Das wirft in unserem Fall zwar einen Schatten – aber sicher keinen, wie wir ihn mit unserem Licht erreichen wollten.
Und plötzlich wurde mir klar, dass sich das eigentlich auf fast alles übertragen lässt. Auf jede Hilfengebung; zum Beispiel auf die Arbeit im Sitz, auf Rhythmus, auf Energie in der Bewegung des Pferdes und so weiter. Und zwar ganz egal, ob ich Einfluss auf den Schwung im Trab nehmen möchte oder auf die Vorhandbewegung im Tölt. Das nur als Beispiele.
Gefühl und passende Dosis.
Im Reiten heißt es doch ständig, man brauche Gefühl. Gefühl für die Bewegung. Gefühl für den richtigen Moment. Gefühl für die passende Dosierung.
Und dieses Gefühl entsteht genau dort: in dem Moment, in dem wir aufhören, automatisch zu reagieren, und anfangen, wirklich wahrzunehmen, was gerade da ist.
Um daraus überhaupt erst die passende „Energie“ entwickeln zu können. Nicht aus Gewohnheit. Und auch nicht aus Erinnerung oder Erwartung. Sondern aus dem tatsächlichen Kontakt mit dem Pferd in genau diesem Moment.
Mein Mann hats dann mal wieder auf den Punkt gebracht:
Wieviele Abstufungen von „Treiben“ habe ich als Profi wohl im Kopf? Bzw. im Körper? Und er? Da bewegen wir uns wohl wieder in zwei Welten – zwischen Photon und Ball.
Das gefällt mir, sage ich. Denn wenn man diese Idee einmal verstanden hat – und dann weg von der Quantenebene hinein in unser alltägliches Verständnis von der physischen Welt – dann beginnt man tatsächlich besser zu verstehen, warum Wahrnehmung und passende Dosierung im Reiten so entscheidend sind.
Wir Reitlehrer sollten genau dabei noch viel stärker helfen.
Dann entsteht Gefühl.





