Unter Dir

„Unter Dir“

Beim Reiten gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass der Mensch auf dem Pferd sitzt. Im Größenverhältnis ist es klar: Der Mensch ist kleiner und leichter. Ob Islandpferd oder Großpferd – das Pferd trägt. Doch was passiert, wenn wir dieses Verhältnis einmal im Kopf drehen? Wenn wir uns vorstellen, es wäre genau andersherum?

Sieh dir die beiden Wale an, wie die große Walkuh durch das Wasser gleitet, und unter ihr, in ihrem Schutz, das Kalb.

Stell dir vor, du bist diese große, mächtige Walkuh. Du ziehst deine Bahnen durch das Wasser. Elegant und scheinbar mühelos gleitest du dahin, wählst deinen Weg durch den Ozean und unter dir folgt dir vertrauensvoll dein Kalb. Beziehungsweise dein Pferd. Du sitzt nicht auf deinem Pferd, du schwebst über ihm und wählst deinen Weg– und es bleibt unter dir.

Aber zurück zur Walkuh. Wenn du eine Kurve wählst, dann verändert sich deine Bahn und damit auch seine. Stell dir vor wie du aus den Tiefen des Meeres zur Oberfläche aufsteigt, und wie sich unter dir auch das Kalb wie von selbst in den Aufstieg begibt. Oder wenn sich dein Körper zum Abtauchen senkt, dann passt das Kalb sich auch da unter dir an. Es bleibt in deinem Sog. Es orientiert sich an deinem großen, klaren Körper und deiner Souveränität.

Allein dieses Bild verändert einfach alles in Stimmung, Zusammenspiel und der Arbeit im eigenen Körper. Plötzlich geht es nicht mehr darum, einem Pferd mit einer Kombination aus bestimmten Hilfen zu sagen, es soll bitte nach rechts abbiegen. Es geht darum, dass du deine Bahn ziehst und dein Pferd dir automatisch folgt – wie in einem unsichtbaren Sog.

Aber seinen wir ehrlich - ganz so einfach läuft es nicht immer.

Stell dir also vor, dein Kalb driftet ein wenig zur Seite. Egal ob aus Übermut, weil eine kleine Strömung es erfasst hat oder weil es unachtsam war. Als souveräne Walkuh schiebst du es ganz selbstverständlich mit einer Flosse sanft wieder unter deinen Körper. Oder stelle dir vor, das Kalb fällt ein wenig nach hinten zurück. Dann senkst du deine Fluke nach unten und gibst ihm damit einen kleinen Impuls nach vorne, um wieder weiter unter dich zu schwimmen. Damit gibst du ihm Orientierung, Sicherheit und Raum.

Und genau darum geht es auch im Sattel. Du ziehst deine Bahn. Und dein Pferd bleibt unter dir. Wenn du deine Linie veränderst, veränderst du die Spannung in deinem ganzen Körper, und leitest deinen neuen Weg ein. So wird aus einem Zirkel keine ungefähre Form, sondern eine klare weiche Spur im Raum. Dein Pferd spürt, wo du entlangziehst, und kann sich darunter einordnen.

Doch dieses Bild trägt noch etwas ganz anderes in sich.

Es verändert deine Rolle und eure Beziehung. Du bist nicht jemand, der hofft, dass das Pferd mitgeht, und auch nicht jemand, der oben sitzt und reagiert. Du bist die leitende Figur in diesem gemeinsamen Strom. Diejenige, die den Weg kennt, ihn klar vor Augen hat und ihn geht. Deine Klarheit gibt Orientierung, dein Rahmen gibt Sicherheit. Je eindeutiger deine innere Linie, desto leichter kann es folgen.

Und innerhalb dieses Rahmens entsteht ein Spielraum, in dem dein Pferd sich entwickeln und entfalten kann. Und es weiß zugleich, wo es hingehört: unter dich, in deine Bahn, in deinen Sog.

Vielleicht lächelst du bei diesem Bild. Gut so. Denn manchmal braucht es genau solche Vorstellungen, um zu spüren, wie viel Größe im Reiten liegt:

Zieh deine Bahn. Gleite. Und nimm dein Pferd unter dir mit. Nicht schnell, nicht laut, sondern nachhaltig, klar und spürbar.

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